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Eine Saison

ohne Ausfälle



Das Rennauto wird mental eingestimmt (siehe Boxentafel)

12 Stunden 41 Minuten Rennzeit auf der Nordschleife, knapp 1.320 km im Renntempo, 325 Liter Superbenzin, 12.439,97 Euro, das sind 24,62Liter /100km oder ca.980 Euro pro Stunde bzw. 9,42 Euro pro Rennkilometer – soweit die nackten Zahlen, was aber dahinter steht sind pure Lebensfreude und 3 lange Wochenenden mit einer Menge echter Freunde.

Soweit so gut, Ende 2009 deutete sich schon an, dass die geliebte Badewanne – unser meerjungfrauen blauer Renn MGB – nach 20 Jahren harten Renneinsatz mal eine gründliche Überholung sowohl des Blechs als auch der Mechanik bedurfte. Nach vielen Diskussionen was alles getan werden musste und der ewig bangen Frage nach dem vorhandenen Budget, das den Rahmen des Möglichen arg begrenzte entstand auf der Saisonabschlussfeier der Rahmenplan für die Vorbereitung der Saison 2010. MG Kischka aus Köln bot spontan auch für 2010 sein kompetentes Fachwissen und seine Unterstützung an, so war zumindest schon einmal ein Ersatzteilbackground für den geplanten neuen Rennmotor geschaffen, unser Chefmechaniker Alex Reinink aus Freiburg strapazierte in der Folgezeit per Telefon die Nerven von Manfred Kischka in endlosen Telefonaten in den Teile geordert wurden und Tipps und Tricks aus der langen MG-Historie von Manfred zu diskutieren – hier an der Stelle schon mal ein riesiges Dankeschön an die Firma MG Kischka, manch einer hätte wohl an der Stelle entnervt aufgegeben, Manfred nicht! Eher stand immer mit Rat und Tat zur Seite.

Ein weiterer Lichtblick tat sich mit der Carosseria Sommerberg aus dem Bergischen Land auf, spontan versprach der begnadete Lackierer Andre Sommerberg sich nach getaner Blecharbeit um den neuen Auftrag der meerjungfrauen blauen Farbe zu kümmern, das später noch mehr draus wurde und für reisenden Absatz an den Rennstrecken sorgen würde sei an einer anderen Stelle angesprochen, hier auch erstmal ein herzlicher Dank für einen glänzenden Farbauftrag zum Selbstkostenpreis!

In dieser Dankesflut möchte ich aber auch die Seele des Mechanikerteams Alex Reinink ebenso wenig vergessen wie die nimmermüden Helfer Henrik Verspohl und Andreas Pichler, ohne die vieles nicht geklappt hätte. Alles schien perfekt zu laufen aber auch mein gelassenes Naturell geriet etwas ins Zweifeln als ich bei unzähligen Telefonaten mit unserem Teamchef Alex Reinink, genannt Atze, ein ums andere Male hörte: “Ne dann sind wir am Lausitzring, ne dann sind wir zum Testen in Hockenheim, ne ich muss noch nach Frankreich den Rallye-Porsche betreuen, ja der Motor ist fast fertig, ne eingebaut oder getestet ist er noch nicht!“

Gut, ich bin rheinischen Ursprungs und ich habe einen festen Glauben und ich weiß, dass es immer noch „jut jejangen hät“, wenn der Meister sagt: “Dat maach isch jleich als nächstes“ Leichte Zweifel kamen aber 5 Tage vor dem ersten Rennen der Saison am 12.Mai bei den 24h Classic auf als mir Andre Sommerberg die erste MMS meines Lebens auf mein Handy schickte! Damit sollten wir nächsten Donnerstag auf der Nürburgring-Nordschleife die 24h Classic fahren?!? Niemals!! Andre und Atze beruhigten mich telefonisch und baten darum schon mal unser Flying Squirrel Zelt im Fahrerlager aufzubauen am Donnerstag morgen, damit letzte Arbeiten auch bei unsicherer Wetterlage noch zuverlässig erledigt werden könnten, außerdem gäbs noch ne Überraschung obendrauf! – Ich war gespannt!

Nun tun Curt – mein begnadeter Co-Squirrel und ich was man uns sagt und fuhren mit Werkzeug, Kölsch und Zelt beladen am Mittwoch in die frische aber sonnige Eifel in der Hoffnung, dass sich gegebenenfalls auch noch ein rennfertiger MGB dazugesellen würde. Von Kölsch beseelt saßen wir wie ein altes Ehepaar in der schwindenden Abendsonne auf unseren Campingstühlen als aus der Ferne ein strahlend blaues Etwas den Horizont erhellte. Und sehet da ein fliegendes Eichhörnchen ward euch geschenkt! Atze fuhr die Blicke des Fahrerlagers auf sich ziehend mit der gleißend schönen frisch lackierten Badewanne - noch bar jeglicher Sponsorenaufkleber – hoch thronend auf dem Hänger ein in die Mercedesarena. Aus dem per MMS gemailten Bild war innerhalb einer knappen Woche wieder ein konkurrenzfähiger Renn-MGB entstanden! Chapeau Atze und Andre was ihr da geschaffen habt. Eilig wurden die dunkelblau kontrastierenden und die Domtürme symbolisierenden Werbeaufkleber unseres Hauptsponsors MG Kischka hauchzart auf den frischen Lack gebracht als Atze auch schon die versprochene Überraschung lupfte! Er schaute freudestrahlend in eher verdutzte Gesichter! Was sollte das sein? Ein fingernägellackierter Tanzbär? Ein unrasierter Wichtel? Die Bruce Darnell Ausführung eines Waldschrats? Nein das Wesen aus Haaren, Zopfgummi, Lendenschurz und rot lackierten Fingernägeln war der Tuntenyeti!

Oh, oh passt das wirklich? Flying Squirrel und das Kultgetränk aus Cologne Gay City? Jau – das passt Pfirsichlikoer und Rennsport, das bewies schon der Andrang am ersten Abend im Fahrerlager am provisorisch aufgestellten Tuntenyeti-Probiertisch. Von wegen Berührungsängste des Macho-Motorsport zur Homoszene, der skurrile Tuntenyeti war sofort der Renner und der lustige Köln-Krimi Tuntenyeti – die Legende lebt ein humoristisches Highlight für die Abendlektüre. Wer schräge kölsche Sachen mag sollte echt mal reinschnuppern in das Tuntenyeti-Buch.

Die 24h Classic sind fahrerisch immer wieder ein Highlight der Saison mit 12:44 Min zeigte der wiederauferstandene MGB auch deutlich das Potential, das in ihm steckt, gegen harte internationale Konkurrenz gelang ein 5. Platz in der Klasse mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 113,302 km/h. Was sich auf der Autobahn eher nach einem Ferienanfang-Schnitt anhört ist in der grünen Hölle Fahren auf der letzten Rille mit der mittlerweile 46 Jahre alten Badewanne, die ESP oder ABS noch für Wunderwaffen von Emma Peel oder the Tunderbolts hält. Mit breitem Grinsen im Gesicht klang ein wundervolles Comeback des meerjungfrauenblauen Renners im allseits bekannten Lindenhof zu Nürburg aus. Zu später Stunde fasste Henrik, ein seit Jahren das Flying Squirrel Rennteam treu begleitender Mechaniker, den Mut sein Coming Out zu begehen! Nein nicht was der geneigte Leser - vielleicht dem 7. Tuntenyeti geschuldet – meint, nein Henrik fühlt sich zum MG-Rennsport hingezogen und nicht dem eigenen Geschlecht. Henrik war gerade dabei die Fahrerlizenz zu machen und wurde spontan von Curt und mir ins Flying Squirrel-Cockpit eingeladen.

Gut einen Monat später traf sich der ganze Clan an gleicher Stelle um a) meinen Geburtstag b) das Debut meiner liebreizenden Tochter Luzia als Boxenhelferin und c) das 300km Eifelrennen zu begehen. Leider hatte Henrik noch nicht seine Lizenz, sodass das bewährte Fahrerduo beherzt ins Volant greifen musste. Teils widrige Wetterverhältnisse drückten den Rennschnitt auf immer noch beachtliche 103,176 km/h aber nicht unsere Laune bei Renate im Lindenhof. In der Klasse wurden wir als bester kontinentaler MGB immerhin 7.

Mit etwas Wehmut verabschiedeten wir nach dem Rennen Curt zum physischen Aufbautraining nach China. Curt wollte per Kamel und Fahrrad von Kirgisien nach Peking reisen, um den örtlichen Aufbau eines flächendeckenden MG/Roewe –Werkstattnetzes persönlich zur Seite zu stehen. Nein, im Ernst er erfüllte sich einen Traum und hatte sich dem Luxemburger Weltenbummler Behm angeschlossen um eine Traumreise durch das ferne China zu tätigen. Interessierte können unter www.behm.lu einige Impressionen der Reise nachlesen.

China liegt nun nicht gerade um die Ecke und ist mit dem Fahrrad nicht eben in zwei Stunden durchquert und so vergingen knapp 3 Monate bis das meerjungfrauenblaue Team sich in der grünen Hölle wiedertraf. Die 1000km standen auf dem Programm und Henrik Verspohl vor der Feuertaufe im Cockpit und die gelang ihm direkt mit der Bestzeit von 13:23 im Training. Chapeau lieber Henrik, direkt beim ersten Start die beiden alten Squirrels abkochen!

Das Rennen selbst war dann ein wahrer Krimi und leider fehlte der Kriminalhauptkommisar Atze! Vom 88. Platz overall und 6. Platz in der Klasse startete ich bei blendendem Eifelwetter ins Rennen um nach zwei Stunden 20 Minuten das Volant auf dem 2. Platz in der Klasse und dem 56. Gesamt an unseren Novizen Henrik zu übergeben. Nach zwei Runden begann der Himmel sich langsam zuzuziehen um dann von blau in tiefschwarz überzugehen. Plötzlich schüttete es aus Eimern und die Strecke verwandelte sich in eine tückische Rutschpartie.

Curt sollte nach weiteren gut 2 Stunden das Cockpit von Henrik übernehmen, um so verwunderter blickten sich Curt und ich an als Sergio nach einer knappen Stunde in die Box platzte mit der Botschaft : „Papa hat gerade angerufen, er kommt jetzt rein!“ „Wie angerufen?!? Der sitzt doch im Renn-B !“ kam es wie aus einem Munde um hinzuzufügen: „Das geht nicht, der muss mindestens 25% der Renndistanz fahren, sonst fliegen wir aus der Wertung.“ Aber da boxt er auch schon im klatschenden Regen in die Boxengasse unser kleiner Renner. Mit Engelzungen bauten wir unseren Novizen verbal auf und hinderten ihn am Öffnen des Sicherheitsschnellverschlusses, um ihn trotz anfänglichen Sträubens wieder in die ungastliche grüne Hölle zu entlassen.

Dass er trotz des ungeplanten Zwischenstopps seine Sache gar nicht mal so schlecht gemacht hatte, konnte man dem Zwischenergebnis nach 4 Stunden entnehmen, wir waren auf dem Scoreboard auf Platz 47. geklettert und lagen eine knappe Runde hinter dem führenden MGB unserer Klasse – nicht schlecht und nun saß Curt auf dem Bock, der die gute alte Badewanne bereits in hunderten Runden sicher über die Nordschleife pilotiert hatte, sollte da noch was drin sein? Mittlerweile hatte Andreas Pichler – ein würdiger Vertreter von Atze – seinen Rechenschieber geschwungen und kam mit einer Hiobsbotschaft! Wir mussten noch einen ungeplanten Boxenstopp einlegen! Henrik hatte zwar bravorös seine Mindestfahrzeit abgesessen, aber Curt würde die erlaubte Maximalzeit von 3 Stunden überschreiten, wenn wir ihn bis zum Rennende im Cockpit lassen würden. Mist – so würden wir noch mal Zeit verlieren wenn ich für die letzten 4 Runden das Cockpit von Curt übernehmen müsste.

Nach 6 Stunden lag unsere Badewanne weiterhin auf Platz 2 der Klasse und auf einem beachtlichen 44. Gesamtrang. Der führende britische B lag weiterhin einen Runde vor uns, der drittplazierte Porsche 911 eine gute Minute hinter uns. Beim zweiten unnötigen Boxenaufenthalt überholte uns der auf der Strecke gebliebene Porsche und ich versuchte den B ohne Risiko wenigstens auf dem 3. Platz über die Runden zu bringen. Kurz vor Rennende traute ich meinen Augen nicht, der bislang führende tauchte in der Ferne der Döttinger Höhe in der Gischt auf, sollte da noch mehr drin sein bei diesem Rennen? Es gelang mir in der nächsten Runde den langsamer werdenden führenden B zu überholen um uns zumindest in die gleiche Runde zurückzulapen, aber wo war der Porsche? Nach 7Stunden 6 Minuten und 40,722 Sekunden fuhren wir trotz teilweise desaströsem Wetter mit 100,158 km/h Schnitt als 3. der Klasse und 44. Gesamt über die Ziellinie, 3 Min 25 Sek hinter dem zweitplaziertem Porsche 911 und 10 min 11 Sek hinter dem siegenden MGB.

Hätte, wäre, wenn! Wenn wir mit unserem General Atze als Teamchef angetreten wären, wären wir vielleicht mit einer anderen Taktik aufgelaufen und hätten unseren Youngster den trockenen Start fahren lassen, und dann wärs noch mal spannend geworden, der 2. Platz wäre dann sicher gewesen und vielleicht? Na ja, träumen darf man ja wohl noch. Aber trotzdem ein herzliches Dankeschöne an Henrik, der den Mut hatte in der nassen Hölle weiterzufahren, das soll ihm erst mal jemand nachmachen!

Zum Abschluss von 2010 steht noch ein Höhepunkt auf dem Programm – Flying Squirrel wird sich zum ersten Mal an LeJoG versuchen, der Rallye im Dezember von Cornwall nach Schottland, aber das ist eine andere Geschichte!

Bis dahin Tot ziens,

herzlichen Dank an alle die uns auch diese Saison wieder unterstützt haben, den nimmermüden MGDC mit seinem phantastischen Drivers Magazine, dem Team von MG Kischka aus Köln, das uns Tag und Nacht mit Rat und Tat zur Seite stand, der Carrosseria Sommerberg für den schönen Lack und Tuntenyeti für die netten Stunden ;)

Euer Flying Squirrel

Horst

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Pictures courtesy of Dagmar Bardelmeier and Andreas Pichler