Missionierung | ![]() | statt Vorbereitung |
Wer die Wahl hat, hat die Qual...mehr Bilder unten!
2006 hatte mal wieder Pleiten, Pech und Pannen gebracht - nach wenig Rennkilometern blies auch der 2. Motor der Saison 2006 auf dem Hockenheimring sein Licht aus und der B verließ den heimatlichen Stall um bei Alex - dem begnadeten Chefmechaniker aus dem fernen Freiburg - zu überwintern.
Eigentlich hätten alle Energien jetzt in die Vorbereitung der neuen Saison fließen sollen, aber es kam natürlich mal wieder alles anders - siehe hierzu auch die ultimative Frühlingsstory im gleichen Heft. Irgendwann trat denn die eigentliche Rennvorbereitung immer mehr in den Hintergrund und das Missionswerk Rheinischer Mgisten gewann langsam Kontur. Nachdem mir immer klarer wurde, dass unsere so heiß geliebte MG-Szene der Überalterung anheim fiel - immerhin gehen die Fahrer des kleinen unbeugsamen MG-Rennteams schon auf die 50 bzw. 60 zu - fiel die Entscheidung endlich etwas für den Nachwuchs zu tun. Nein - nicht körperlich - schließlich hat die beste aller Ehefrauen uns bereits zwei liebreizende Kinder geboren, die hoffentlich irgendwann einmal in die Fußstapfen Ihrer Eltern treten, nein hier geht es um den Nachwuchs im Herzen.
Schon lange nervte der Arbeitskollege D.S. aus E. bei A. mit falschen Entscheidungen bei der Wahl des fahrbaren Untersatzes. Konnte ich zwar seine Entscheidung für eine Simson Schwalbe noch aus DDR-historischen Gesichtspunkten nachvollziehen "Brüder zur Sonne zur Freiheit!" so war mir seine neuste spinnerte Idee von vornherein zuwider. Wie konnte eine überteuerte zweirädrigere Fehlentwicklung aus dem deutschen Süden so etwas wie Fahrspaß versprechen? Warum sollte man den finanziellen Gegenwert eines Brutto-Monatslohn in ein Gefährt versenken, bei dem der Copilot ungeschützt den Unbillen der Natur wie ein Affe auf dem Schleifstein ausgesetzt sein? Nein, wirklich nein - hier musste ein Schlusspunkt gesetzt werden - definitiv kam mir kein BMW C1-Roller in die Firmentiefgarage!
Die Zeichen standen zwar schlecht einen Ungläubigen zu missionieren, da gerade alle Kultgegenstände sich in verschiedenen Stadien der Desintegration befanden - die treue Badewanne stand ohne Motor, der sich gerade wiederum in Tons schaffenden Händen befand, in Freiburg. Der Midget hatte sein junges Leben auf der A4 zwischen Köln und Aachen ausgehaucht und Old faithful der grüne MGB harrte meiner zarten Hände um die Blessuren am Overdrive zu kurieren. Lediglich der MG TD stand trotzig und funktionsfähig in der Ecke der Garage, aber er ist nun wahrlich nicht der Prototyp um einen jungen Ersttäter zu missionieren - für ihn braucht man wohl eher den graumelierten Haaransatz über den ich mittlerweile - wie auch George Clooney - verfüge.
Wozu gibt es aber die glitzernde Welt des World Wide Webs mit seinen bunten Bildern um den Novizen des oktogonalen Glaubens zu überzeugen. Behutsam wurden Preisvergleiche zwischen BMW Motorrollern und MG Midgets in die abendlichen Skype Telefonate eingeflochten und siehe da - die kleine Flamme begann zu leuchten, irgendwann begann D.S. aus E. bei A. selbst mir Web-Links zu MG Midgets zur Begutachtung zuzumailen. Unter Abwägung von finanziellen Mitteln und mechanischen Fähigkeiten kristallisierte sich langsam heraus, dass es durchaus ein Rechtslenker und Gummiboot sein dürfte, wenn nur die Substanz einige sorgenfreie Jahre versprechen würde.
Zwischendurch - trotz aller Missionarstätigkeit - musste auch die gute alte Badewanne für die neue Saison vorbereitet werden. Hockenheim war mit Ende April tierisch früh - kollidierte aber terminlich mit den Highland Games und die haben nun mal Priorität - so sollte eigentlich für Mitte Mai der Renner für den TT Circuit in Assen vorbereitet werden, aber noch stand der B in Freiburg und der Motor halbfertig bei Ton Maathuis in Luxemburg. Ton hatte den ganzen Winter gegrübelt warum bei zwei Motoren hintereinander der Ölpumpenantrieb an der Nockenwelle beschädigt war und selbst sein Kurztrip nach Kent zum Nockenwellenhersteller brachte keine Klarheit, lediglich eine kostenlose Austauschnockenwelle. Wir sind gespannt ob der neue Motor diese Saison heile übersteht. Es wäre schön mal wieder eine problemlose Saison zu fahren!
Irgendwie geriet die Missionierung der MG-heidnischen Stämme für eine Zeit in den Hintergrund und es war an der Zeit wieder zusammenzufügen was zusammengehört. Curt - der im Alter immer schneller werdende Copilot - er ist wie ein guter Wein und reift mit der Zeit - holte den B aus Freiburg ab, jetzt mit Überrollkäfig statt Ðbügel, und ich machte mich auf den Weg nach Luxemburg um gemeinsam mit Curt in seiner luxeriösen Garage die Herzverpflanzung am lebenden Objekt vorzunehmen. In guter Stimmung lief die Verpflanzung ohne große Komplikationen ab und am späten Sonntagabend stand die Badewanne wieder aus eigener Kraft laufend auf dem Hänger und lies sich, bequem wie sie ist, vom Teambully nach Hause ziehen.
Kaum lagen Motortransplantation und Highland Games hinter uns, kam D.S. aus E. bei A. wieder aufs Tapet und verlangt dringend nach seiner Taufe. Das Objekt seiner Begierde war Fleisch und Blut - pardon Stahl und Öl geworden. Ein 1977er MG Midget in zartem Gelb (chartreuse oder pale primrose yellow??) reckte keck seine schwarzen Gummi-bumpers ins englische Ebay. Der Standort Orpington versprach für uns Kontinental-Europäer eine kurze Anfahrt, doch hieß es jetzt den ungeduldigen Novizen in die englische Anzeigendialektik einzuführen - heißt dock good runner nichts anderes, dass das Fahrzeug unter Einsatz stärkster Muskelkraft durchaus in der Halle rollbar sein könnte oder needs a bit of TLC, nichts anderes, dass von der Ehegattin eine liebevolle zärtliche Hingabe erforderlich ist, da der Gatte wegen der ob der ihn hoffnungslos überfordernden Totalrestaurierung dem Herzinfarkt nahe ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser - hier machte sich jetzt 30 Jahre Szeneerfahrung hilfreich bemerkbar, irgendjemand kennt immer irgendjemanden irgendwo, so auch hier. Ton kannte einen Midget-Rennfahrer in Kent, der praktischerweise nur ca. 50 Meilen vom gelben Midget entfernt wohnte. Für kleines Geld versprach Paul die Vorhut zu spielen und den kleinen Kobold zu inspizieren. Sein telefonischer Bericht schien einen guten Fang zu versprechen und so wurden Devisen und Fährtickets gebunkert und Teambully und Hänger klargemacht. Devisen?, ja es gibt sie noch diese ausländischen Währungen auch in der Euro-Zeit und irgendwie wurde alles ein wenig wie früher, das ist ja das schöne an der Missionarstätigkeit, das man seine eigene Messdienerzeit immer wieder mit der Jugend wieder- und nacherleben kann.
Freitags abends nach der Arbeit wurde das Nötigste in den Bully geladen - Bier, Schlafsäcke und einen Flaschenöffner und die ehedem wohlvertraute belgische Autobahn unter die Räder genommen. Oostende, das frühere Tor zur Insel, ist mittlerweile nur noch Frachthafen und von Zeebrügge geht's nur noch in den englischen Norden, somit mussten wir nach Dünkirchen ausweichen um eine Fähre zu den britischen Eilanden entern zu können. Um drei Uhr war es dann soweit, the white cliffs of Doverkamen ins nächtliche Blickfeld. Der Besitzer des Midgets hatte ihn freundlicherweise noch näher an die Küste gebracht und so hatten wir nur noch den shorttrip nach Margate zu absolvieren um den kleinen Gelben in eigenen Augenschein nehmen zu können.
Mit zwei Flaschen Kölsch einander zuprostend standen wir mitten in der Nacht in einer kleinen Nebenstrasse Margates , der Midget im Schein zweier Taschenlampen funkelnd. Müde und zufrieden rollten wir uns in die Schlafsäcke um die kurze Restnacht in Morpheus Armen zu schlummern. Mit den ersten Sonnenstrahlen gings raus aus den Federn um den "Nochbesitzer" aus dem Bett zu klingeln. David schien einen festen Schlaf zu haben, so wurde kurzerhand der Postbote nach einem empfehlenswerten Coffeeshop gefragt. Gerade als the postman zu einer wortreichen Erklärung ausholen wollte erschien auch David in der Tür und die Prioritäten wurden spontan neu geordnet: "Erst Hardware dann Essen!"
Bei einer Tasse Tee wechselten ein Packen Scheine mit dem Konterfei von Lizzie gegen einen Stapel Photographien einer früheren Restaurierung, sowie alten Rechnungen und dem begehrten V5-Document, dass mittlerweile auch völlig anders aussieht als die guten alten V5! Leicht hüstelnd sprang der Midget an und wurde brummelnd auf den Hänger gefahren. Als stolzer Besitzer des ersten eigenen MGs - oh wie süß ist doch dieses Gefühl und vor meinem geistigen Auge gings für mich auf Zeitreise in die späten 70er als ich einen erste MGB mein eigen nennen durfte - knurrte jetzt auch V.S. aus E. bei A. der Magen und wir machten uns auf die Suche nach einer typischen englischen Frühstücksbude. Schnell wurden wir fündig und schon bald darauf stapelten sich zwei Spiegeleier, Beans, 2 sausages, mushrooms, 2 Scheiben Ham und ein Berg Chips auf dem Teller, abgerundet von einem großen Topf Tee mit Milch.
Pappsatt enterten wir dann den gegenüberliegenden Halfords um nach Zollwerkzeug, Haynesmanual und einer Spraydose gelben Lacks Ausschau zu halten. Doch welch herbe Enttäuschung, auch in England ist die Zeit nicht stehen geblieben, Werkzeug ja - aber nur metrisch, Lacke für VW oder Ford und Workshop manuals für solch intersannten Autos wie Nissan Sunny, aber nix für den treuen kleinen MG in diesem Shop! Oh England - wo ist dein Traditionsbewusstsein??
Genau dieses fanden wir am frühen Nachmittag bei Paul, dem "Midget-Vorbetrachter". Zwei Gründe führten uns an diesen idyllischen Ort , erstens wollten wir uns artig bedanken für dir objektive Voruntersuchung, zweitens hatte Ton sich einige Päckchen zwecks Umgehung des horrenden britischen "Kontinentalportos" zu eben jenem Paul schicken lassen, die wir jetzt abholen konnten. In the middle of nowhere fanden wir eine kleine Farm, die auch bei Rosamund Pilcher hätte mitspielen können. Paul und seine Gattin hatten im Laufe der Jahrzehnte so ziemlich jede Ecke der weitreichenden Latifundien mit britischem automobilen Kulturgut vollgestellt und schritt stolz zur Führung voran.
Im winzigen Wohnzimmer wurde der obligatorische Tee serviert und Paul fing an in Unmengen von Büchern nach genau dem einen zu suchen indem alle jemals gespritzten MG Lackfarben abgebildet seien. "Per Zufall" lag dann irgendwann auch ein MG Buch auf Seite 157 geöffnet auf meinen Schoß indem natürlich unser Gastgeber mit seinem Renn-Midget abgebildet war. D.S. aus E. bei A. schaute dem ganzen Treiben eher irritiert zu. Es wird noch einige Zeit brauchen bis aus dem gerade getauften Jung-Oktognalisten ein echtes Sektenmitglied wird.
Bei Sainsburys bunkerten wir noch alles was der Gaumen schon lang vermisst hatte - neben Best Bitter und Abbots Ale wanderten Familenpackungen von Shortbread und Cadburys in den Einkaufswagen - nur der legendäre Cadburys swiss chocolate gateau , den ich bereits seit fast 40 Jahren vergöttere war nicht aufzutreiben. Ein Practical Classics wurde an der Kasse noch schnell gegriffen und schon gings wieder - viel zu früh - Richtung Dover. Problemlos rutschte das Gespann auf die Fähre und - leider zu spät - blätterte ich im Oldtimerheftchen. Da waren wir gerade an einem weiteren Midget Schnäppchen vorbeigerauscht ohne ihn eines Blickes zu würdigen. In Canterbury hätte für lediglich 250 Pfund ein weiteres Gummiboot gestanden - too late mate, beim nächsten Mal nehmen wir uns halt mehr Zeit.
Auf der Rückfahrt blinzelte der kleine Gelbe im Rückspigel uns immer wieder verfühererisch zu um dann im Abendrot zu einem malerischen Gesamtensemble mit der untergehenden Sonne zu verschmelzen. Da V.S. aus E. bei A. ab Brüssel das Volant übernahm konnte ich mich gelassen den verbliebenen Reissdorf-Vorräten und dem dicken Päckchen von Ton zuwenden. Das aufgerissenen Päckchen enthielt dutzende 80er-Jahre Exemplare von Enjoying MG - der MGOC-Clubzeitschrift. Mit dem Midget auf dem Hänger, dem Kölsch in der Hand und der Enjoying MG auf dem Schoß war der kurze Retrotrip perfekt und die Preise waren eigentlich auch gleich geblieben, 2500 Pfund wurden im Anzeigenteil für einen immaculate R reg. Midget aufgerufen, 2 Seiten weiter 4995 Pfund für einen factory GT V8. Kurz vor Mitternacht endete der kurze Missionars-Trip in die Vergangenheit und der Midget in D.S.«s Garage.
Mittlerweile neigt sich der Mai dem Ende entgegen, der Renn-B seiner Fertigstellung und das Rennen in Assen ist ohne uns gelaufen. Dafür stand der gelbe Kleine schon mal wieder bei mir auf dem Hof. Der deutsche TÜV hatte einige kleine Rostlöcher in den hinteren Innenkotflügeln und einen defekten Hebelarmstoßdämper entdeckt. Kleinigkeiten, die schnell behoben wurden und uns wieder einmal einen tiefen Einblick in die britische Restaurationsseele blicken ließen. Warum in aller Welt flickt man kunstvoll mit Fliegendraht, Spachtel und Bondex eine Innenkotflügel, wen ein Dutzend Schweißpunkte und 30 Quadratzentimeter verzinktes Karosserieblech eine nachhaltigere Heilung versprechen? Tja andere Länder andere Sitten.
Ach ja - die Rennerei - nach einem Vierteljahrhundert nimmt man es nicht mehr ganz so ernst, aber heute habe ich den B zum letzten Check vor die Garage gerollt und beim tiefen Grollen des neuen Motors ist die Lust auf den Jan-Wellem Pokal doch wieder geweckt - also noch den neuen Öl-Catchtank bestellen und morgen noch mal kurz bei der Zündung beigehen und dann nächsten Monat bei Renate im Lindenhof hoffentlich viele alte Bekannte treffen.
Tot ziens
Euer Flying Squirrel - Horst
PS:
Danke an alle die auch mit kleinen Spenden unser unbeirrbares Rennteam am Rennen halten und am 15.Juni gibt's wieder preisgünstige Mitfahrgelegenheiten im meerjungfraublauen MGB.
PS: An dieser Stelle der übliche Aufruf - wenn jemand die kleine blaue Badewanne aktiv unterstützen möchte, sei es durch eigene Muskelkraft, durch Geld- und/oder Sachspenden bzw. seine Produkte / seine Firma werbemäßig durch Flying Squirrel bekannter machen will: Hier ist die E-Mail auf der alles machbar ist flyingsquirrel@freenet.de
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Pictures courtesy of Andreas Pichler, Henrik Verspohl, Curt Wagner and Flying Squirrel.